Andacht 2

Predigt vom 14.06.2020 am 1. Sonntag nach Trinitatis

Chorraum

Liebe Gemeinde,
diese Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus klingt irgendwie wie ein Märchen aus 1000 und 1 Nacht. Vielleicht hatte Jesus das als Kind von seiner Mutter erzählt bekommen.
Abends vor dem Schlafengehen saß die Mutter Maria am Bett ihres Sohnes und begann zu erzählen, wie Märchen eben so beginnen:
Es war einmal ein reicher Mann, der machte sein ganzes Leben zu einem einzigen Fest, kleidete sich mit den edelsten Stoffen wie Purpur und kostbares Leinen und hatte festliche Speisen im Überfluss. Bestimmt hat sich dieser Mann ganz rechtmäßig seinen Reichtum verdient.
Nur: bei allen Feierlichkeiten hat er aber übersehen, dass vor seiner Tür ein Bettler lag, krank mit eiternden Wunden, man hört geradezu die Fliegen schwirren.
Nichts hat Arme zu verlieren außer einem Namen:
Lazarus heißt er, "el' azar" das heißt übersetzt: „Gott hilft".
Der reiche Mann und der arme Lazarus haben nichts gemeinsam, außer dass beide sterben müssen. Genau da wendet sich im Märchen das Schicksal der beiden.
Der arme Lazarus wird getragen von Engeln und landet in Abrahams Schoß, einem Ort der Sicherheit und des Friedens, der Ruhe und Geborgenheit.
Vom Reichen heißt es, dass er begraben wurde.
Und als er nun in der Hölle angekommen war, da machte er seine Augen auf in seiner Qual. Endlich schafft er es, was er in seinem ganzen Leben nicht geschafft hat: Er sieht den armen Mann Lazarus, wie er da sitzt in Abrahams Schoß. Und weil er sich schämte, ihn direkt anzusprechen, bittet der Reiche den alten Abraham, er möge Lazarus doch zu zu ihm in die Hölle schicken, wo es beim Feuer höllisch heiß ist. Er soll vorher seine Fingerspitze ins Wasser tauchen, um damit die Zunge des Reichen zu kühlen.

Ist das nicht unverschämt, liebe Gemeinde?
Da bin ich genauso empört wie Abraham in der Geschichte.
„Und du hattest noch nicht einmal einen Brotkrümel übrig für den Armen, als der all die Jahre vor deiner Tür lag, geschweige denn ein Pflaster oder Medizin, du hast ihn ja noch nicht mal bemerkt!"
Abraham lässt sich natürlich nicht ausnutzen und weist die Bitte des Reichen zurück. Zwei Gründe nennt er: Einmal ist die Entfernung zur Hölle so beschaffen, dass sie niemand überwinden kann, und dann ist das, was jetzt passiert, als ausgleichende Gerechtigkeit zu verstehen:
Der Reiche hat das Gute in seinem Leben bekommen, jetzt ist der Arme dran, Gutes zu empfangen.
Dagegen kann der Reiche nichts sagen. Nur eine kleine Bitte hat er noch:
Abraham soll den Lazarus doch senden in seines Vaters Haus, damit er seine Brüder warne. Sie sollen nicht den gleichen Fehler machen wie er und dann auch in der Hölle landen.
Abraham fasst sich kurz in seiner Antwort. Die sollen gefälligst in der Bibel lesen und Mose und die Propheten ernst nehmen, dann werden sie auch keine Fehler machen.
Der Reiche versucht noch nach zu verhandeln, aber Abraham bleibt konsequent. Für den Reichen gibt es kein Happy End. Das ist auch untypisch für ein ordentliches Märchen.
Liebe Gemeinde, dabei komme ich auch wieder zurück auf meinen Gedanken am Anfang:
Vielleicht hat jesus diese Geschichte als Märchen erzählt bekommen. Nun erzäht er es seinen Zuhörern, bestimmt mit einem Hintergedanken.
Da schau ich auf den Zusammenhang.
Jesus war im Gespräch mit Pharisäern.
Da hatte er gerade deutlich zwischen Geld und Gott unterschieden, hatte offensichtlich wohlhabenden Leuten ins Gesicht gesagt: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon."
Über deren Reaktionen berichtet Lukas:
„Das alles hörten die Pharisäer. Geldgierig, wie sie waren, machten sich über ihn lustig. Da sprach Jesus zu ihnen: Ihr stellt euch so selbstgerecht dar vor den Menschen, aber Gott kennt eure Herzen, denn was hoch ist vor den Menschen, das ist ein Gräuel vor Gott." (Lk.16,13ff.)
Im weiteren Verlauf dieses Gesprächs erzählt Jesus dann eben unsere Geschichte.
Für Pharisäer war damals Reichtum gleichbedeutend mit Segen, eine Belohnung Gottes für anständiges Verhalten.
Und Krankheit und Armut wurde im Gegenzug als Strafe Gottes für falsches oder unehrenhaftes Verhalten gewertet.
Die Folge war dann die, dass es kaum oder keine medizinische Versorgung für Kranke gab und Arme sich nicht auf ein Sozialsystem stützen konnten, sondern auf Almosen, kleinen Spenden, angewiesen waren.
Selbst diese kleinen Lebensmittelspenden hat der namenlose Reiche in Jesu Geschichte dem Armen versagt. Für die Pharisäer, die Gesprächspartner Jesu, war das sicher konsequent und richtig gehandelt.
Jesus aber ruft diese Moralisten zur Menschlichkeit auf, stellt sich hinter die Bedürftigen, Verachteten, Verurteilten und teilt am Ende ihr Schicksal am Kreuz.
Liebe Gemeinde, wie schnell haben auch wir ein Urteil gefasst, wenn wir auf Armut in unserem Land stoßen:
Na, ja, das sind eben Zigeuner, das sind alles Diebe und Betrüger, die werden nie auf einen grünen Zweig kommen.
Und wer immer noch keine Lehrstelle bekommen hat, der war eben nicht fleißig genug in der Schule, der hat eben selbst Schuld!
Solche Urteile kennt sicher jeder von uns, sowas ist uns vielleicht schon selbst über die Lippen gekommen.
Dagegen setzt Jesus diese Geschichte. Am Anfang klang diese noch wie ein Märchen wie aus 1000 und einer Nacht, dann aber wurde sein Aufruf zur Menschlichkeit unüberhörbar.
Wer seinen Blick noch nicht mal über seinen eigenen Zaun werfen kann, wer lieber weg guckt und nur an sich selbst denkt, seinen eigenen Vorteil zum Lebensziel erhebt, der wird am Ende zutiefst unglücklich. Geld alleine macht eben nicht glücklich. Erst die menschliche Beziehung, die Mitmenschlichkeit, das sich gemeinsame Freuen und auch Sorgen, das ist die Quelle zum Glück.
Es gibt Werte, die sind eben unbezahlbar, die Liebe einer guten Partnerin oder eines Partners, die Freude an der Kunst, am Schönen, unabhängig, ob es mir gehört oder nicht.
Gerade die miteinander geteilte Freude ist um ein Vielfaches größer als einsamer Reichtum.
Um wie viel mehr ist erst die Liebe Gottes wert, seine Lust am Leben, am guten Miteinander mit uns. (Und ganz sicher hat er auch seinen Spaß am Wasser, wenn wir gleich zum Taufstein gehen. Er hat so viel Spaß daran, dass er seine Täuflinge nur so mit Wasser und Segen überschüttet. Das ist mit Geld nicht zu vergleichen und im wahrsten Sinn des Wortes unbezahlbar.)
 Gott will doch nur seine Lust und seine Freude am Leben mit uns teilen. Also lassen wir uns breitschlagen, krämpeln unser Herz um und machen mit: beim Teilen, beim Mitmachen, beim miteinander Freuen am Leben.
Amen.

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